Ich bekomme einen Anruf von ihm, ob ich doch bitte vorbeikommen könne. Selbstverständlich mache ich mich wenige Tage später auf den Weg zu seiner Wohnung. Seine Frau öffnet mir die Türe und bittet mich herein. Ihr Mann sei wohl noch am Mittagsschlaf, aber sie wecke ihn gleich. Wenige Minuten später kommt er, ein Jackett über das Pyjama gezogen, mir entgegen und führt mich in sein Arbeitszimmer. Seit meinem letzten Besuch hat sich nicht viel verändert, ausser einem grösseren Bildschirm, einem neuen Tower mit besserer Rechenleistung und wieder mal stärkeren Brillengläsern.
Er freut sich wie immer, mich zu sehen und erklärt mir freudestrahlend seine neuesten Errungenschaften. Ich frage ihn also, was denn nicht funktioniert. Da sieht er mich lange an, ich erkenne in seinem, sich langsam senkenden Blick, dass er es nicht mehr weiss. Ob er es denn nicht aufgeschrieben hätte? – «Ja, stimmt …» Er macht sich auf die Suche.
Ich sehe ihm zu, wie er sich umsieht, einen Stapel Papier durchwühlt und Schranktüren öffnet. In meinem Kopf erscheinen die Bilder meiner Erinnerung, wie es war, als ich ihm als kleines Kind fasziniert zugesehen habe, wie er uns den ersten Computer gebracht hat. Später kamen ein Nadeldrucker und noch viele neuere Computer dazu. Während meiner ganzen Kindheit war er unser «Computermann». Er hat immer alles gewusst und war unsere erste Anlaufstelle bei jedem Problem. Inzwischen sind 15 Jahre vergangen und sein Sehvermögen hat sich drastisch verschlechtert, die Lupe liegt immer griffbereit neben dem Bildschirm. Leider funktioniert auch das Tippen auf der Tastatur nicht mehr wie gewohnt. Er spürt die einzelnen Tasten nicht und seine Dokumente sind mit zittriger Hand mit Namen wie «Stttteererrrrrrnn» benannt. Trotzdem komme ich gerne her, um ihm zu helfen, denn er war es, der mir die Faszination für Computer vermittelt hat. Wenn er kam, war es für mich immer etwas Besonderes.
Heute hat er seine Notiz nicht mehr gefunden, aber nächstes Mal kann er mich gerne wieder anrufen, und ich hoffe, dass mein Besuch für ihn heute auch etwas Besonderes war.
(Foto: Flickr/nostalgia.2009, CC-Lizenz)







“Leider funktioniert auch das Tippen auf der Tastatur nicht mehr wie gewohnt. Er spürt die einzelnen Tasten nicht und seine Dokumente sind mit zittriger Hand mit Namen wie «Stttteererrrrrrnn» benannt.”
Das ist wirklich eine traurige, aber auch schöne, rührende Passage!
Eine ergreifende, sicher wahre Geschichte – aber halt der Lauf der Zeit!!! – Ein Hoch für die Jugend